Montag, 9. Februar 2004
Berlinale: A Bride of the Seventh Heaven
Ich mag Filme, die einem neue Welten eröffnen und völlig andere Lebensentwürfe zeigen als den eigenen oder die in unserer Kultur bekannten. Das Fremde ist darin als Fremdes erkennbar und dahinter werden Sehnsüchte und Ängste der Menschen als allgemeingültige | existenziale Folie sichtbar.
In der Versammlung solcher Filme besteht die die Stärke des internationalen Forums des jungen Films und

JUMALAN MORSIAN (A Bride of the Seventh Heaven),
Finnland 2003, 85 Min.

ist so ein Film. "Der Film handelt von Einsamkeit, von einer einsamen alten Frau, die einem blinden Mädchen namens Ilne ihr Leben erzählt. Der Name Ilne bedeutet soviel wie Lebensspenderin. In der Kultur der Nenet, von der Vergangenheit bis zum heutigen Tag, kann ein kleines Mädchen vor oder nach der Geburt dem Gott Num versprochen werden. Normalerweise geschieht das nach der Geburt des Kindes, wenn sein Geschlecht bekannt ist. Das Mädchen mag dem Gott für jeweils drei, vier oder fünf Mal sieben Jahre versprochen werden, oder sogar für die gesamte Dauer seines Lebens. Das Versprechen gilt von der Geburt an. Wenn die Zeit abgelaufen ist, kann die inzwischen erwachsene Frau einen irdischen Ehemann als Lebenspartner nehmen. Im Film wurde Syarda entsprechend der Vorhersage eines Schamanen schon vor ihrer Geburt dem Gott versprochen.



Das Drehbuch stammt von Anastasia Lapsui und basiert auf Erfahrungen, die sie selbst gemacht hat. Als junges Mädchen war sie einige Jahre lang blind und besuchte oft eine alte Frau, die allein in einem Nachbarzelt lebte. Die beiden freundeten sich miteinander an, und die alte Frau erzählte Anastasia Lapsui von ihrem Leben, das einem Gott versprochen war. Ihre Geschichte erzählt der Film." (Anastasia Lapsui, Markku Lehmuskalio im Forum Programmheft)

Bei der Vorführung im CinemaxX sind überwiegend Frauen im Publikum. Selbstbewußte Frauen zwischen Ende 20 und Mitte 40, die sich über die Reihen hinweg unterhalten, bis der Film anfängt. Zwischendurch steht eine am Rand und telefoniert und wird direkt lautstark aus dem Publikum aufgefordert, den Saal zu verlassen. Eine halbe Stunde später beginnt ein Streit in den hinteren Reihen. Du hast mich angegriffen, du hast meinen Sohn getreten, du Fotze. Die andere versucht zu beschwichtigen, unmutige Rufe aus dem Publikum, die die beiden auffordern den Mund zu halten oder draussen zu streiten. Det is Berlin, denk ich und schüttele im Dunkeln den Kopf. Nach der Vorführung sind der Regisseur und die Drehbuchautorin anwesend. Der Moderator ist so eine typische Berlinale Laberbacke, der keinen vernünftigen Satz hervorbringt, aber superschlau sein will und mit seiner Eingangsfrage versucht, den Film als Märchen zu charakterisieren, worauf er sich auch gleich eine verbale Watschen einfängt. "Es ist kein Märchen, es ist die Geschichte eines relaen Lebens" korrigiert ihn die kleine, selbstbewußte Drehbuchautorin.
Wie ein Gedicht klingen ihre Sätze, die aus dem Russischen übersetzt werden:

In unserer Religion opfern wir alle etwas.
Wir sind Kinder der Sonne. Die Sonne
ist das Auge Gottes.

Wir sind ein Nomadenvolk.
Wir sind auf der Reise geboren
und wir sterben auf der Reise.

Wir haben keinen Kompass,
unsere Wege sind im Himmel gezeichnet.

Wir sind immer auf der Reise
und heute bin ich bei Ihnen.

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