Freitag, 4. Juni 2004
Scharf wie'n Terrier
Heute, einen Tag nach dem 25. Todestag Arno Schmidts, war ein gelbes Buch in der Post:

Rudi Schweikert (Hg.):
"Da war ich hin und weg"
Arno Schmidt als prägendes Leseerlebnis
100 Statements und Geschichten.
Schriftenreihe der GASL, Bd. 6.

Darin, auf S. 341, eine mit dem Titel:

“Scharf wie'n Terrier macht se!”

Als ich mich selbst nach meiner ersten Begegnung mit Arno Schmidt fragte, musste ich einen Moment nachdenken. Dann erinnerte ich mich. Es muss um 1990 herum gewesen sein, als Schüler der Oberstufe an einem Gymnasium auf dem Hunsrück, nicht allzu weit von Kastel an der Saar also, wo Arno Schmidt von 1951 bis 1955 lebte.

Zusammen mit einer Freundin, ihrer älteren Schwester und deren Freund (wobei ich nicht mehr weiss, wer von ihnen auf die Idee kam und ob jemand überhaupt Arno Schmidt bis dahin kannte) fuhren wir ins immerhin rund 150 km entfernte Kaiserslautern, um eine Lesung von Passagen aus Zettels Traum zu hören, synchron gelesen von drei Sprechern, ich vermute, es war das Dreiergespann Reemtsma Rauschenbach Kersten, aber beschwören könnt' ich's nicht.

Wir saßen in einem vollen, gedrängten Raum, inmitten hüstelnder Honoratioren, die Sicht durch Pfeiler unterbrochen (zumindest ist mir im verschwommenen Rückblick so, als sei es eine Kirche oder ähnlich ehrerbietendes gewesen, vermutlich war’s eher ein Weinkeller), aber was ich da hörte und erfuhr, begeisterte mich. Ein Buch, weit mehr als tausend großformatige Seiten, jede davon in drei Spalten geschrieben, parallel zu lesen mit drei Sprecher. Eine Klangcollage, die lebendig & detailliert einen Sommertag in der Heide wiedergab, inkl. Grillengezirpe Vogelgezwitscher Gedankenblase. Wow!

Ich war beeindruckt und ich erinnere mich, dass ich, zurück in der Provinz, meinem Deutschlehrer berichtete. Ich glaube, er hatte den Namen Arno Schmidt schon einmal gehört.

Später, als Student der Germanistik an der Uni Trier, ließ ich mir gelegentlich das einzige Präsenzexemplar von Zettels Traum aus dem Magazin holen, um in einem Kabäuschen darin zu blättern und hier und da einige der maschinengeschriebenen Zeilen zu lesen.

Zur gleichen Zeit begann ich aber auch, Arno Schmidt wirklich zu lesen. In meinem Exemplar von "Sommermeteor", einem Band mit 23 Kurzgeschichten, das ich gerade aus dem Regal gezogen habe findet sich folgende Notiz: "Am 2. November '92. Trier. Zu lesen in rollenden Nächten." Der Band enthält die wunderbare Geschichte "Seltsame Tage" (mit ihrem Doors-Titel) oder "Nebenmond und Rosa Augen". Dann las ich Brands Haide, die Gelehrtenrepublik, das Haffmanns-Büchlein Der Platz an dem ich schreibe und das Doppelbändchen Die Umsiedler und Seelandschaft mit Pocahontas. Zu letzterem erstellte ich eine Seminararbeit mit Anmerkungen und Worterläuterungen und erstmals machte ich mir bewusst, was mich so faszinierte an diesen Texten: die absolute Präzision der dargestellten Augenblicke, die Konkretheit der sprachlichen Bilder, das Dokumentarische der Zeitbeschreibung.

Zwei Jahre lang arbeitete ich als Aushilfe und während der Sommerferien in einer Fachbuchhandlung. Dort kam mir ein langformatiges Plakat in die Hände. Arno Schmidt ist darauf zu sehen, in Lehrertracht (zumindest sahen bei uns die meisten Lehrer so aus): ein helles Hemd, darüber Pullover mit V-Ausschnitt, kordhose und Schlappen. Er steht, leicht angelehnt an einem Lattenzauntor, um den Hals ein Fernglas. Darunter ein Zitat aus Das steinerne Herz: "(Intelligenz lähmt, schwächt, hindert ?: Ihr werd't Euch wundern!: Scharf wie'n Terrier macht se ! !)." . Ich riss mir das Plakat untern Nagel und hing es in meinem Studentenzimmer auf, zur Verwunderung mancher Freunde & Kommilitonen über diesen seltsamen alten Kauz.

Zugegeben, danach wurde es ruhig. Irgendwo erstand ich noch die drei Bände mit Texten zur angelsächsichen Literatur, aber nachdem ich Trier zugunsten Berlins verlassen hatte, las ich vornehmlich andere Autoren: neben den Beats und Autoren wie W.S. Burroughs und Rolf Dieter Brinkmann vor allem theoretische Texte der Postmoderne. Ausserdem begann ich, mich intensiver mit den sog. Neuen Medien zu beschäftigen, in deren Umfeld ich ja später auch beruflich tätig wurde...

Über ein Abonnement der Zeitschrift konkret kam ich dann an die 4bändige Studienausgabe aus dem Haffmanns Verlag, aber ich arbeitete nun, und in der Geschäftswelt hatte Arno Schmidt keinen richtigen Platz und so las ich in der vor allem die kürzeren Text (wie die wundersame Tina, oder über die Unsterblichkeit), bis ich meine Festanstellung aufgab und Freiberufler wurde und mich nun verstärtkt wieder mit privaten Forschungen und Expeditionen in diese oder jene Bereiche beschäftigte.

Im vergangenen Jahr stieß ich auf die Arno Schmidt Mailing Liste, und das Gefühl, als (wenn auch nur sporadischer) Arno Schmidt Leser einer bunten verschworenen Gemeinschaft anzugehören, bestätigte sich aufs neue. Denn nach wie vor findet man nicht allzu viele, denen der Autor Arno Schmidt etwas sagt, obwohl sich doch (aus meiner beschränkten Sicht) die Bekanntheit und vor allem die Verfügbarkeit von Texten in den vergangenen Jahren wesentlich verbessert haben. Mein Interesse erwachte neu, ich grub meine alte Seminararbeit zur Seelandschaft aus - und fand sie schrecklich. Wie nachlässig war ich als Student eigentlich? Ich beschloss dennoch, sie demnächst einmal zu überarbeiten, und sie bei Gelegenheit den Interessierten zur verfügung zu stellen.

Eine Genre, mit dem ich mich sehr stark in der jüngsten Zeit beschäftigt habe, ist die Science Fiction, wobei es (neben dem Technik-Philosophen Stanislaw Lem) in erster Linie die amerikanischen Autoren (insb. des Cyberpunk) sind, die mich interessieren (ich hatte auch die Gelegenheit eine ganze Reihe phantastisch-utopischer Romane aus der DDR zu erstehen, aber zu oft merkt man ihnen den schreibenden NVA-Leutnant an...). Auch vor diesem Hintergrund habe ich vor, Arno Schmidt erneut zu entdecken.

Es ist eine Qualität von Cyberpunk Autoren wie William Gibson und Bruce Sterling, dass sie ihre (und damit unsere) Gegenwart genau beobachten und dokumentieren, um schließlich diese Beobachtungen auf eine nahe Zukunft hochzurechnen. Unter diesem Aspekt darf Arno Schmidt getrost als ein Vorläufer der Gattung gesehen werden.

Auf meinem Nachttisch liegt nun Schwarze Spiegel... Mal sehn, wohin die Reise geht...

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